Im Dialog: Johann Härtl

Dr. Johann Härtl, Schott Glas

Bissantz Was macht die Analyse technischer Zusammenhänge so schwierig?

Härtl Eine große Rolle spielt das fehlende Verständnis für den Prozess der Datenaufbereitung. Traditionell bilden sich die Hersteller von Prozessleittechnik ein, wie sie die durch die Sensorik an den Produktionsstationen gewonnenen Daten verdichten müssen. Damit wandert ein Großteil der Auswertungslogik von der Ebene des Data Warehouse, wo sie hin gehört, in die Endgeräte. Sind die Daten erst einmal verdichtet, so gibt es nichts mehr zu wollen. Wir haben bei Schott über Jahre hinweg die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass unsere Prozessdaten zunächst einmal in so genannten historischen Datenbanken gespeichert sind, aus denen wir dann nach Bedarf die interessierenden Daten abholen. Die meisten Produktionsbetriebe haben so etwas nicht und müssten zunächst einmal sechsstellige Beträge investieren, allein um die Voraussetzungen für vernünftige Datenanalyse zu schaffen. Insofern verfügen wir über eine vergleichsweise luxuriöse Situation. Dennoch muss man sagen, dass der systematische Einsatz von moderner Datenanalyse zur Feinsteuerung von Produktionsprozessen noch in den Kinderschuhen steckt. Das ist auch kein Wunder. Wir haben allein an einer Schmelzwanne, aus der in mehreren Linien Glas fließt, um z. B. Röhrchen für die pharmazeutische Industrie herzustellen, mehr als 1.000 Sensoren. Die wiederum liefern alle paar Sekunden Messwerte. In der anschließenden Linie stecken noch mal einige hundert Sensoren.

Stichwort "Historische Datenbanken": Relational, OLAP, historisch - wie sehen Sie für Ihren Bereich das Verhältnis dieser Datenbankkonzepte? Wir hoffen insgeheim, dass die Zeiten des "10-Year-Workaround OLAP" bald vorbei sind und wir Datenbanktechnologie bekommen, die beide Welten integriert.

Zunächst einmal verwenden wir OLAP derzeit als Codewort für moderne Datenanalyse. Das klingt neu genug, um intern damit um Unterstützung werben zu können, aber nicht zu neu, um schon wieder Misstrauen zu schüren. In Budgetplanungen aber strapazieren wir diesen Begriff gar nicht. Unsere Hauptaufgabe sehen wir derzeit darin, das zu machen, was GE und Siemens versucht, aber letztlich nicht geschafft haben: Gutes ETL für technische Prozesse. Dazu brauchen wir historische, relationale und OLAP-Datenbanken.

In der folgenden Darstellung gelingt es Joseph Minard, alle Daten von Napoleons verheerendem Russlandfeldzug so zu visualisieren, dass dieses unglaubliche Desaster räumlich, zeitlich und in Bezug zur klirrenden Kälte, die das ihre beitrug, unmittelbar vor Augen tritt.

Wir meinen, es muss unser Ziel sein, auch Unternehmensdaten so darzustellen, dass ein großes Aha entsteht und die Führungskräfte unmittelbar erkennen können, worauf es ankommt.

Sehr beeindruckend. In der Tat, wenn ich den Inhalt einer typischen Präsentationsfolie vergleiche mit dem, was hier an Daten abgetragen ist, müssen wir den Hut ziehen vor so einer Darstellung. Wenn man bedenkt, dass das vor 135 Jahren geschafft wurde, fragt man sich, wo der Fortschritt eigentlich liegt.

Wenn ich mal ketzerisch sein darf, selbst beim dümmsten Fußballspiel gibt es mehr Organisation als in vielen Unternehmen. Ich fürchte, es kommt noch eines hinzu, was ein großes Hindernis darstellen wird: Die Blender werden alles ablehnen, hinter dem sie sich nicht mehr verstecken können, und die sind gar nicht so selten in den Unternehmen. Wie auch immer, verfolgen muss man dieses Ziel natürlich. Wir gehen jetzt gemeinsam mit der Uni Karlsruhe einen interessanten Weg. Wir nutzen Kohonen-Netze, um mehrdimensionale Parametereinstellungen zu untersuchen.

Im betriebswirtschaftlichen Bereich wäre das gefährlich. Unserer Erfahrung nach müssen wir sehr einfache, bekannte Grundtypen - Zeitreihen, Balken, Kreise - verwenden, um verstanden zu werden.

Das ist im technischen Bereich nach meiner Erfahrung klar anders: Unsere Techniker haben die Verläufe ihrer Parameter sogar als Datenreihen im Kopf. Die sind bereit, sich auf komplexere Visualisierungen durchaus einzulassen und sich eine Woche lang reinzuknien, wenn ihnen das am Ende das Verständnis des Prozesses erleichtert.

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