Suchen...
Generic filters
Exact matches only
Search in title
Search in excerpt
Search in content

Diagramme in Styleguides: Vorsicht vor Vorlagen

Der Regelungsumfang von Styleguides betrifft vor allem formal-ästhetische Details. Sie sollen die Einheitlichkeit des Markenauftritts und gute Lesbarkeit sicherstellen. Diagramme und ihre Darstellung sind hingegen ein unter- und nachgeordnetes Thema.

Wie wenig sich Styleguides mit der richtigen Datenvisualisierung auseinandersetzen, habe ich bei einer Fallstudie zu meinem kommenden Buch festgestellt. Die Styleguides, die es dennoch tun, belasten mit ihren stilistischen Vorgaben für Diagramme mitunter deren Abbildungstreue und Datenintegrität. Ein Beispiel dafür findet sich in unserem vorangegangenen Beitrag über Diagramme in Styleguides: Form vor Inhalt.

Wir fanden weitere Fälle, in denen sich Unternehmen und Organisationen um Leitlinien und formale Vorgaben bemühen – sogar komplette Vorlagen für Diagramme und Tabellen liefern. Die folgenden Beispiele zeigen jedoch, dass auch diese Styleguides mit Vorsicht anzuwenden sind.

Wie steht es um Regelungsgüte und -tiefe?
In manchen Fällen sind die Vorgaben von Styleguides eigenwillig, problematisch oder sogar falsch: Die Design-Regeln der IG Metall [1] empfehlen Kreise zur Abbildung von Prozenten, weil das den „Klassiker“ Tortendiagramm „moderner“ gestalten würde. Als „Tipp“ wird dann ergänzt, dass man die „Kreisgrößen am besten im passenden Verhältnis zueinander“ anlegt, indem man die Prozentwerte proportional als Kreisdurchmesser bestimmt. Richtig wäre es allerdings, die Flächen proportional zu bestimmen.

Diagramme in Styleguides - Beispiel IG Metall
Abb. 1: Auszug aus dem Styleguide der IG-Metall [1]

 

Handwerk gut, alles gut?
Der Styleguide der Bundesregierung [2] spiegelt handwerklichen Pragmatismus. Er erinnert daran, dass Tabellen und Diagramme „kopier- und faxbar“ sein sollten und Tabellen an der Spaltenbreite auszurichten sind. Für Diagramme wird eine Excel-Vorlage bereitgestellt. Diese Regelungen dienen vor allem der „Leserlichkeit“, „Ablesbarkeit“ und „Barrierefreiheit“. Verläufe und 3D („plastisch wirkende Darstellungen“) sind geächtet. Diagrammtypen werden nach Zweck oder praktischen Erwägungen („besonders für längere Beschriftungen“) beschrieben. Auf inhaltlich sinnvolle Darstellung hingegen wird nicht eingegangen.

Diagramme in Styleguides - Beispiel Bundesregierung Abb. 2: Auszug aus dem Styleguide der Bundesregierung [2]

 

Vertrauen auf Vorlagen?
Bei der Deutschen Post DHL finden sich Hinweise zur Gestaltung von Diagrammen im Rahmen der Vorgaben zur Unternehmenskommunikation [3]. Diagramme sollen denselben Zweck wie Bilder erfüllen, nämlich eine Präsentation interessant und einprägsam machen. Ihre Anwendung wird als leicht beschrieben, weil auf Vorlagen basierend. Auf Voraussetzungen wie die korrekte Zuordnung von Daten zu Vorlagen wird nicht eingegangen. Sie scheint auch nicht als Problem erkannt zu werden. Zumindest deutet die eigenwillige Abbildung einer Zeitreihe mit einem Kreisdiagramm darauf hin.

Diagramme in Styleguides - Beispiel DHL

Abb. 3: Diagrammvorlagen der Deutschen Post DHL [4]

 

Für die Erstellung von Diagrammen stellt die Deutsche Post DHL ihren Mitarbeitern sieben PowerPoint-Vorlagen bereit und beschreibt ihre Anpassung über Eingaben in eingebetteten Excel-Arbeitsblättern.

Diagramme in Styleguides - Beispielvorlagen bei der Deutschen Post DHL Abb. 4: Diagrammvorlagen der Deutschen Post DHL [5]

 

Die Vorlagen bilden durchaus anspruchsvolle Gestaltungsaufgaben ab. Zum Beispiel werden Daten gruppiert, gestapelt, kombiniert und überlagert. Die in den Beispielen abgebildeten Werte repräsentieren hingegen sehr einfache Datenkonstellationen. Die Werte variieren nur wenig, führen nur zu mäßigen Überlagerungen, wenigen oder gleichmäßigen Unterteilungen und bilden leicht verständliche Muster ab. Wie man auf schwierigere Datenkonstellationen zu reagieren hätte, wird nicht thematisiert oder vorgegeben.

Diagramme um jeden Preis?

Die von uns untersuchten Styleguides vertreten übereinstimmend die Auffassung, dass Diagramme die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich ziehen, länger im Gedächtnis bleiben und schneller und leichter verstanden werden, weil das Gehirn Diagramme vermeintlich schneller verarbeitet. Die Beispiele in diesem Beitrag zeigen, dass der Leser sich hier aber nicht auf eine Art Mindeststandard verlassen kann, sondern die grafische Integrität von Diagrammen überprüfen muss. Das führt die eigentliche Idee der schnellen Vermittlung von Zahlen ad absurdum. Ähnliches habe ich in meiner Fallstudie zu Diagrammen in Wirtschaftsnachrichten beobachtet.

Datenvisualisierung in Unternehmen stellt hohe Anforderungen an Klarheit und Verständlichkeit. Hier sind Fehlschlüsse und Fehldeutungen mit Kosten und Risiken für die eigene Organisation verbunden. Vor diesem Hintergrund werden wir Datenvisualisierung immer wieder kritisch hinterfragen, Fehler aufzeigen und Alternativen anbieten mit wenigen, aber konsistent eingesetzten visuellen Mitteln und der passenden Farbgebung.

Quellen

[1] IG Metall (Hrsg.), Diagramme. Daten schön gestalten, Frankfurt 2019
[2] Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.), Einsatz von Diagrammen und Tabellen, Berlin 2021
[3] Deutsche Post AG (Hrsg.), Basiselemente Tabellen und Diagramme, Bonn 2021
[4] Deutsche Post AG (Hrsg.), DPDHL Group Manual: PowerPoint Templates, Bonn 2020, Seite 24, Ausschnittsvergrößerung, Abruf am 20.08.2021
[5] Deutsche Post AG (Hrsg.), DPDHL Group Manual: PowerPoint Templates, Bonn 2020, Seite 27, Abruf am 20.08.2021