Die Zeit rennt - von links nach rechts

Nachdenken ist anstrengend und teuer. Weniger anstrengend und weniger teuer wird es durch Übung. Durch Übung entstehen Gewohnheiten. Welche Gewohnheiten helfen im Business Intelligence? Zum Beispiel, dass früher links von später liegt.

Die Zeit rennt uns davon oder will nicht vergehen. Wir wollen sie zurück­drehen oder anhalten; selten läuft sie so, wie sie soll. In der Sanduhr verrinnt sie und läuft dabei von oben nach unten. Auf diesem und eigentlich allen Blogs ist es umgekehrt, da läuft Zeit von unten nach oben. Für den alten Knupp in Martin Suters neuem Buch „Die Zeit, die Zeit“ existiert sie erst gar nicht; dass sie verginge, sei Einbildung.

Human Clock.
Im Human-Clock-Projekt wird die Darstellung von Zeit tausendfach variiert, spielerisch und vergnüglich. Im Controlling geht Variation auf Kosten von Verständnis. Quelle: humanclock.com.

Kein Wunder, dass mit der Zeit viel Schabernack passiert, wenn darüber gesprochen oder geschrieben wird. Mal läuft sie zweizeilig, mal ändert sich die Skalierung auf dem Weg. In grafischen Zeitreihendarstellungen läuft die Zeit eigentlich immer von links nach rechts, in Tabellen auch mal entgegengesetzt. Das ist vor allem in Geschäftsberichten so und Bella hat sich darüber schon beklagt: Das nächste Vorjahr liegt in den Publikationen fast aller Kapitalgesell­schaften dann rechts vom aktuellen Jahr. Alles klar?

Quelle oben: Deutsche Telekom AG, Geschäftsbericht 2011, Seite 46; darunter: Redesign von Bella.
Jahreswerte nebeneinander zeigen Entwicklungen. Probieren Sie es aus: Wie lange brauchen Sie mit der ersten Variante, um zu verstehen, dass der Umsatz 2011 der schlechteste seit sechs Jahren ist? Quelle oben: Deutsche Telekom AG, Geschäftsbericht 2011, Seite 46; darunter: Redesign von Bella. Anklicken zum Vergrößern.

Ich unterhielt mich mit einer Freundin darüber, einer Bankerin. Dass das Berichtsjahr immer zuerst genannt wird, sei Teil der Publizitätspflicht und in einem Paragraphen der Börsenordnung verankert, also Standard. Aus dem Grundstudium BWL noch geläufig war uns § 265 HGB, wonach „in der Bilanz sowie in der Gewinn- und Verlustrechnung … zu jedem Posten der entspre­chende Betrag des vorhergehenden Geschäftsjahrs anzugeben“ ist. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt, wer in den IAS sucht: Auch die IAS 1.38 fordern den Vorjahresvergleich und sagen nichts über die Reihenfolge. Wir versuchten gemeinsam den entsprechenden Text aus der Börsenordnung zu finden, googelten und telefonierten mit Organen wie der Deutschen Börse. Wir wurden weder elektronisch fündig noch fanden wir einen kundigen Ansprech­partner. Falls der Gesetzgeber die Details tabellarischer Controlling­berichte geregelt hat, dann nicht sehr offenkundig.

Bilanz der E.ON AG (Kurzfassung), 2011 und 2010. Quelle: Geschäftsbericht 2011 der E.ON AG.
Seit langem tradierte Gewohnheit: zuerst das aktuelle Berichtsjahr, dann das Vorjahr zum Vergleich. Quelle: E.ON AG, Geschäftsbericht 2011, Seite 41.

Logisch klingt das ja: Wenn Bilanzen, GuV, Geschäfts- und Lageberichte Zahlen nennen, dann bitte doch erst die vom Berichtsjahr, dann die Ver­gleichswerte. Oder? Was sagt das Gehirn dazu? In einer Tabelle zwei Spalten zu überblicken, ist keine große Sache. Die Augenwege sind äußerst kurz, so oder so. Wenn zuerst die Berichtsjahreswerte genannt werden, stehen die neueren Zahlen näher an den Beschriftungen. Andererseits gelten die für beide Spalten. Und was sagt eine Zahl ohne Vergleich? Wenig, deswegen stehen ja die Vorjahreswerte dabei.

Lassen wir einmal mögliche gesetzliche Regelungen weg: Welchen Standard würden wir uns denn wünschen? In Europa lesen wir in Zeilen – waagrecht – und von links nach rechts. „Früher“ liegt links von „später“. Ich finde daher: Perioden gehören in die Spalten und niemals in die Zeilen eines Berichts. Und in den Spalten laufen Perioden bitte, wie sie in jeder Zeitreihengrafik auch laufen: von früher (links) nach später (rechts).

Im Controlling wünschen wir uns solche Standards dringend. Wir haben mehr Daten als Zeit, Denken ist anstrengend und alles, was wir nicht schnell ver­stehen, kostet unnötig Kapazität. Ich habe lange auf die beiden Varianten oben gestarrt. Ich kann meinem Gehirn einfach nicht beibringen, die Entwick­lung einer Zahlenreihe rückwärts verstehen zu wollen. Warum sollte ich auch?