Generic filters

„Exzellentes Design ist Teil analytischer Intelligenz“

Ein Gespräch mit Dr. Nicolas Bissantz und Dr. Fabian Rossi über Design, Forschung und datengetriebene Entscheidungen.

Design als Teil analytischer Intelligenz

Murat Suner: Nicolas, Fabian – herzlichen Glückwunsch zum German Design Award 2026. Für die DeltaApp ist es bereits der vierte große Designpreis nach dem UX Design Award 2023, dem London Design Award und dem French Design Award 2025. Was bedeutet euch diese Häufung an Auszeichnungen?

Nicolas Bissantz: Vielen Dank. Für uns ist das tatsächlich mehr als eine hübsche Sammlung von Trophäen. Die Auszeichnungen kommen von sehr unterschiedlichen Jurys, aus verschiedenen Ländern und Designkulturen – Berlin, London, Paris und jetzt Frankfurt. Dass all diese Gremien unabhängig voneinander sagen: Diese Art, mit Zahlen umzugehen, ist etwas Besonderes, bestätigt uns in einer Überzeugung, die wir seit vielen Jahren haben: Exzellentes Design ist kein Feigenblatt über der Technik, sondern ein integraler Bestandteil analytischer Intelligenz.

Dr. Nicolas Bissantz mit dem French Design Award 2025. Der German Design Award für die DeltaApp wird am 6. Februar 2026 in Frankfurt verliehen.

Fabian Rossi: Für mein Team ist es vor allem Rückenwind. Wir investieren seit Jahren in etwas, das sich von außen manchmal schwer erklären lässt: wahrnehmungsorientiertes Design in einem hochspezialisierten Business-Kontext. Wenn dann eine Jury schreibt, die „konsequente Reduktion auf das Wesentliche“ schaffe ein „eindrucksvoll klares Nutzererlebnis“ und hebe die interaktive User Experience auf ein neues Niveau, ist das ein starkes Signal – auch an unsere Kundinnen und Kunden.

Warum Design in Business Intelligence entscheidet

Murat Suner: Viele verbinden Business Intelligence und Controlling zunächst mit Tabellen, Diagrammen und Excel. Warum spielt Design in diesem Umfeld aus eurer Sicht eine so zentrale Rolle?

Nicolas Bissantz: Weil unser Gehirn gnadenlos begrenzt ist. (lacht) Als wir vor 30 Jahren angefangen haben, sah unsere Software aus wie ein Lehrbuchbeispiel für „mehr ist mehr“ – Menüs, Tabellen, Diagramme, überall Zahlen. Sie war funktional beeindruckend, aber visuell, vorsichtig gesagt, kein Preisträger.

Durch die Zusammenarbeit mit dem renommierten Hirnforscher Gerhard Roth wurde uns schmerzhaft klar: Sehen ist eine Illusion, Denken ist teuer. Unser Arbeitsgedächtnis kann nur wenige Einheiten gleichzeitig verarbeiten. Wenn wir es mit komplexen, bunten Diagrammen überlasten, blockieren wir genau das, was wir eigentlich wollen – klares Denken mit Zahlen.

Deshalb sagen wir heute: Design entscheidet im Business Intelligence darüber, ob ein Mensch aus Daten Wissen gewinnt oder im Rauschen untergeht.

Fabian Rossi: Und genau da setzt DeltaApp an. Wir gestalten Zahlen so, dass sie sich wie Bilder lesen lassen. Typografisch skalierte Ziffern, reduzierte Farbskala, sparsame Akzente – all das ist kein Styling, sondern eine Antwort auf die Grenzen menschlicher Wahrnehmung. Wenn du eine Tabelle siehst und deine Augen ohne Nachdenken zur wichtigsten Abweichung springen, dann hat Design seine Aufgabe erfüllt.

Wie Zahlen lesbar werden

Murat Suner: Die Jury des German Design Award hebt besonders die „konsequente Reduktion auf das Wesentliche“, farbig markierte Trends, skalierte Ziffern, hierarchische Gesten-Navigation und prägnante Sparklines hervor. Was steckt konzeptionell dahinter?

Fabian Rossi: Dahinter stehen ein paar einfache, aber harte Prinzipien. Das erste ist: Wir beginnen bei der wichtigsten Zahl. In vielen Unternehmen arbeiten sich Menschen durch seitenlange Berichte. Uns interessiert zunächst: Was ist die eine Zahl, die den aktuellen Zustand am besten beschreibt? Zum Beispiel der Gesamtumsatz oder das Ergebnis. Von dort aus drillen wir in DeltaApp Schritt für Schritt in die Tiefe – Segment, Produktgruppe, Kunde.

Das zweite Prinzip ist typografische Skalierung. Wir machen Zahlen grafisch, indem wir Größe, Gewicht und Form gezielt einsetzen. Die größte Abweichung „schreit“ dich förmlich an, ohne dass du jede Ziffer lesen musst.

Drittens nutzen wir Farbe extrem sparsam. Es gibt nur zwei Pole – Blau und Rot – mit abgestufter Intensität. Wir kodieren damit nicht Kategorien, sondern Relevanz und Richtung: Was wirkt positiv, was negativ auf mein Ziel? So entsteht kein buntes Dashboard-Feuerwerk, sondern ein klares Spannungsfeld.

Und viertens integrieren wir Sparklines als Wortgrafiken direkt in Tabellen. Du siehst nicht nur, wie groß eine Kennzahl ist, sondern auch, wie sie sich über die Zeit verhalten hat – in einem winzigen, aber aussagekräftigen Verlaufsmuster, das sich nahezu beiläufig mitlesen lässt.

Haptisches Denken: Mit Tippen, Wischen, Zoomen folgt die DeltaApp in der Interaktion dem logischen Denken der User.

 

Nicolas Bissantz: Ergänzen würde ich noch das, was wir „haptisches Denken“ nennen. Wir versuchen, den nächsten Gedanken durch eine Geste in die Hand zu legen: tippen, wischen, zoomen. Wenn ich wissen will, was plus acht Prozent in absoluten Werten bedeuten, wische ich einfach über die Zahl. Wenn ich von Umsatz zu Marge wechseln will, öffne ich mit einem Finger die nächste Ebene des Bruttomargenschemas.

Design heißt für uns: Die Interaktion folgt der Logik des Denkens – nicht umgekehrt.

Wahrnehmung, Forschung und Entscheidungsdruck

Murat Suner: Ihr sprecht oft von universellen Gesetzen der Wahrnehmung. Wie sind diese Prinzipien entstanden – und wie viel Forschung steckt in der DeltaApp?

Nicolas Bissantz: Sehr viel – und ein Stück weit auch Biografie. Ich komme aus der Forschung, habe an einem der ersten KI-Institute Deutschlands promoviert und das Unternehmen gegründet, um diese Ideen in die Praxis zu bringen. Trotzdem gab es lange Zeit Dinge in der BI-Welt, die sich für mich falsch angefühlt haben – etwa die berühmte Ampellogik mit Rot-Gelb-Grün. In der Theorie klingt das hübsch, in der Praxis führt es zu Informationskatastrophen durch Ambivalenz.

Irgendwann wollte ich nicht mehr nur Bauchgefühl gegen Best Practice setzen, sondern harte Beweise. Also haben wir mit Gerhard Roth gearbeitet, mit Eye-Tracking-Experimenten, mit Spitzensportlern wie dem Rennfahrer Hans-Joachim Stuck oder dem Schiedsrichter Deniz Aytekin, mit der Deutschen Sporthochschule Köln. Wir wollten sehen, wie Menschen unter Hochdruck sehen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Aus diesen Studien und vielen Projekten mit Kunden sind Regeln entstanden, die heute in DeltaApp stecken: Wie lenke ich den Blick? Wie viel kann ein Mensch auf einen Blick erfassen? Was gehört in die Fovea, was ins periphere Sehen? Dort, wo die Jury „herausragende Designqualität“ attestiert, schauen wir auf viele Jahre Grundlagenarbeit.

Fabian Rossi: Und diese Grundlagen haben wir nicht im Labor gelassen. Wir haben sie in hunderten realen Analytics- und Controlling-Projekten getestet, verworfen und angepasst. User gewöhnen sich an fast alles – auch an schlechte Interfaces. Eine neue Oberfläche muss deshalb deutlich besser sein, sonst setzt sich niemand damit auseinander. Diese Reibung gehört zu unserem Alltag.

Interaktion folgt dem Denken

Murat Suner: DeltaApp wird als „mobile-first Analytics-Plattform“ beschrieben, funktioniert aber auch auf Desktop und Tablet. Wie prägt das die Gestaltung?

Fabian Rossi: Das Smartphone war für uns fast der natürliche Ausgangspunkt. Haptische Gesten, begrenzter Platz, hohe Ablenkung – das ist die härteste Schule für klares Design. Wenn du auf einem kleinen Bildschirm ohne Legenden, ohne Diagramm-Zoo und ohne Menü-Wüste trotzdem sicher durch komplexe Unternehmensdaten navigieren kannst, dann funktioniert das Konzept.

Die große Herausforderung war die Übersetzung auf den Desktop. Dort haben Menschen andere Reflexe: Rechtsklick, Kontextmenü, Tastaturkürzel, Multitasking. Wir mussten unsere Prinzipien also in zwei Interaktionskulturen verankern, ohne die visuelle Grammatik zu verwässern. Heute kannst du auf allen Geräten denselben Zahlensinn erleben – nur jeweils anders „angefasst“.

Nicolas Bissantz: Und genau das ist für viele Unternehmen strategisch wichtig. Daten gehören nicht in den Keller der IT, sondern in die Alltagspraxis von Führungskräften und Fachabteilungen – im Büro, unterwegs, im Meeting. Eine konsistente Gestaltung über alle Geräte hinweg ist die Voraussetzung dafür, dass analytische Exzellenz tatsächlich in der Organisation ankommt.

Künstliche Intelligenz braucht Klarheit

Murat Suner: Ein weiteres Thema ist Künstliche Intelligenz. Wie fügt sich KI in euren Designansatz ein – und wo zieht ihr Grenzen?

Nicolas Bissantz: Wir sind AI-Fans der ersten Stunde. Unser allererster Preis war tatsächlich für KI-Funktionalität, lange bevor es große Sprachmodelle gab. Heute reden alle über Chatbots und Natural Language. Das ist spannend, aber im Controlling gibt es eine harte Wahrheit: Zahlen dürfen nicht falsch sein.

Wir arbeiten mit KI, um Muster zu erkennen, Anomalien zu finden und Erklärungen zu generieren. Aber wir sind extrem streng, wenn es um numerische Aussagen geht. Jede Empfehlung, jede automatisch formulierte Botschaft muss sich an der Realität der Daten messen lassen. Design heißt in diesem Kontext auch: klar zu zeigen, was Fakt ist – und was Interpretation oder Vorschlag.

Fabian Rossi: Aus Designperspektive ist KI für uns ein zusätzlicher Sinneskanal. Wir ergänzen die visuelle Gestaltung um Sprache, etwa wenn ein Textfeld erklärt, was in einer Tabelle passiert. Ziel ist, dass Menschen Daten nicht nur sehen, sondern auch verstehen und im Kopf behalten. Aber auch hier gilt: Klarheit vor Zaubertrick.

Auszeichnung und Anspruch

Murat Suner: Wenn ihr auf die große Linie schaut: Inwiefern ist der German Design Award für euch Auszeichnung – und inwiefern Auftrag?

Fabian Rossi: Für mich ist er beides. Natürlich freuen wir uns über die Formulierung „Exzellenz interaktiver Nutzerinnenerfahrung auf ein neues Niveau gehoben“. Gleichzeitig steckt darin ein Versprechen, diesen Anspruch in jeder neuen Version und in jedem neuen Feature einzulösen. Design ist auch im Business Intelligence nie fertig, weil sich Daten, Fragen und Arbeitsweisen ständig verändern.

Nicolas Bissantz: Ich sehe es ähnlich. Der German Design Award, der UX Design Award, die Auszeichnungen aus London und Paris markieren zusammen eine Differenzierung, auf die wir stolz sind. Wir sind kein Softwarehaus, das später noch Design draufsetzt. Wir sind ein Forschungslabor für bessere Entscheidungen, das Software baut.

Wenn man so will, ist jeder dieser Preise eine freundliche Erinnerung: unbequem zu bleiben, Diagramme infrage zu stellen und vom Menschen her zu denken. Denn am Ende geht es nicht um Awards, sondern darum, dass eine Controllerin, ein Vertriebsleiter oder eine Geschäftsführerin im Alltag schneller und präziser denkt – mit Daten, die wirklich verständlich gestaltet sind.

Nicolas Bissantz

Diagramme im Management

Besser entscheiden mit der richtigen Visualisierung von Daten

Erhältlich überall, wo es Bücher gibt, und im Haufe-Onlineshop.